Märchen und verwandte Erzählgattungen

Märchen

Märchen sind bildhafte Prosaerzählungen ohne räumliche oder zeitliche Bindung. Die Naturgesetze sind im Märchen aufgehoben. Im Mittelpunkt stehen Held oder Heldin, welche Auseinandersetzungen mit guten und bösen, natürlichen und übernatürlichen Kräften bestehen müssen. Gut und Böse werden in der Regel säuberlich getrennt, meist in Form guter und böser Figuren. Am Ende siegt das Gute, denn – anders als Sagen – sind Märchen Hoffnungs- oder Wunscherfüllungsgeschichten, das heisst das Weltbild im Märchen ist von Optimismus geprägt. 

Zaubermärchen, die «eigentlichen» Märchen, handeln vom wunderbaren Weg des Helden oder der Heldin zum Glück. Das Wunderbare ist selbstverständlich, so schon in Nr. 1 der Grimmschen Sammlung: «Der Froschkönig». Viele Zaubermärchen berichten von Verzauberung und Erlösung.

Ähnlich der literarischen Novelle, erzählt das Novellenmärchen von einer «unerhörten Begebenheit». Natürliche Ereignisse erscheinen wie Wunder, und wie im Zaubermärchen gibt es einen glückhaften Schluss. Beispiel: «Die kluge Bauerntochter».

Bitte anklicken!Auch im Schwankmärchen gewinnt der Held das Glück, aber nicht durch wunderbare Hilfe (wie im Zaubermärchen), sondern durch Klugheit und Mut. Er täuscht seinen Gegnern Wunder vor oder ersetzt sie durch Tricks. Schwankmärchen wie «Das tapfere Schneiderlein» parodieren das Zaubermärchen und dessen Wunder.

In Tiermärchen sind die Helden Tiere, zum Beispiel in «Die Bremer Stadtmusikanten». Das Tiermärchen ist oft verwandt mit der Fabel.

 

Volksmärchen – Kunstmärchen

Das europäische Volksmärchen ist welthaltige Dichtung. Nach dem Schweizer Literaturwissenschafter Max Lüthi zeichnet sich das Volksmärchen durch Eindimensionalität, Flächenhaftigkeit der Figuren und abstrakten Stil aus. Der Märchenheld ist zugleich isoliert und allverbunden. Die Motive entstammen der Wirklichkeit, werden aber entwirklicht, sublimiert. Im Volksmärchen verlieren Dinge wie Personen ihre individuelle Wesensart, werden schwerelos und transparent.

Im Gegensatz zu mündlich überlieferten Volksmärchen sind Kunstmärchen Werke eines einzelnen Autors oder einer Autorin. Diese Bezeichnung enthält keine literarische Wertung, sondern hebt das Moment des Gemachten heraus. Wie zum Beispiel bei Hans Christian Andersen, zeigt der Stil eines Kunstmärchens deutlich die Eigenart seines Verfassers, und der Inhalt kennzeichnet den individuellen Menschen.

Mythos

Mythos wird definiert als eine bildhafte, vorwissenschaftliche Sinnerklärung der Wirklichkeit, eine Grundform menschlicher Weltdeutung, die geglaubt werden muss. Mythos ist eine heilige Erzählung. Diese berichtet von einer imaginären Welt göttlicher und halbgöttlicher beziehungsweise dämonischer Wesen und ihren Handlungen.

Legende

Legenden sind religiös erbauliche, volkstümliche Erzählungen um den irdischen Lebenslauf eines Heiligen beziehungsweise um einzelne Wunder. Märchen christlichen Inhalts, auch Legendenmärchen genannt, enthalten Aussagen dogmatischer Art und gelten als Mischform.

Sage

«Sage» ist ein Sammelbegriff für kurze, alte wie moderne, meist mündlich überlieferte Erzählungen. Sagen sind Geschichten um Erschreckendes, um menschliche Ängste: Sie zeigen das breite Spektrum menschlicher Auseinandersetzung mit der eigenen und der ihn umgebenden Natur oder Technik, mit der historischen Realität und mit der jenseitigen Welt. Die Begebenheiten der Sage werden für wahr gehalten und durch Bezugspersonen oder Ortsangaben beglaubigt.

Fabel

Fabeln sind kurze, witzig-satirische, gleichnishafte Erzählungen. Merkmale der Fabel sind redende Tiere anstelle von Menschen und versteckte oder ausgesprochene Kritik an deren Handlungen. Die Fabelautoren verpacken in der abschliessenden Moral praktische Lebensweisheiten oder politische Aussagen.