Märchen zum Lesen

Totalp

Wenn man auf den Wolfgang, die Passhöhe der Davoser Landschaft kommt, so erblickt man sonnseits einen langgestreckten, kahlen Hang, der sich am Fusse der Weissfluh vom Meierhofertäli bis zur Parsennfurka ausdehnt. Er ist von tiefen Runsen zerrissen und nur unten gegen die Talsohle hin von niedrigem Föhrengestrüpp bewachsen. Die Wasseradern, welche die schauerliche Einöde von dunkeln Stein- und Geröllmassen durchrieseln, vermögen nur Moose und dürftigen Steinbrech hervorzulocken. Kein Gras, kein Triftgrün belebt den Grund, auf den fortwährend Felstrümmer von den Hängen zu beiden Seiten herabstürzen.
Und dieses wüste Gebiet war nach der Sage vor langer Zeit einmal die schönste Alp im ganzen Tal. Bis an das Schwarzhorn hinauf, dessen Zacken und Grinde scharf in den Himmel schneiden, sollen die Atzigen im Sommer dick voll der melchsten Futterkräuter gestanden haben. „Grad watten hei d'Chüö chönnen in dr Weid“ erzählen die Davoser von dieser wegen ihrer Fruchtbarkeit einst berühmten Alp.

Eine Sennerin, wie man sie im Tal früher nicht selten antraf, besorgte hier das Vieh, molk und käste. Sie war jung und lebenslustig, „an tolli Maitja“, stattlich und „rotprächt“, die wohl tüchtig schaffen konnte, aber auch „hellisch“ gern mitmachte, wenn es zu einem unterhaltsamen Hengert ging. Ja, einige behaupten sogar, das „ urüäbige“ Wybervolch sei eine Hexe gewesen und nicht nur bei Nacht und Nebel, sondern manchmal auch an stürmischen Tagen gleich den Fanaserinnen als Elster nach dem Strela hinaufgeflogen oder zu einem kurzweiligen Hagelmachen mit zerhackten Gletscherstücklein vom Scaletta aufgeboten hatte.

An einem schönen Sommersonntag war sie von einer Gespielin zur Hochzeit ins Dörfli geladen worden. Dafür war sie schon zu haben, und fein putzte sie sich heraus. Es ging hoch her bei Schmaus und Tanz, und im Umsehen wurde es Abend. Aber jetzt, wo sie im besten Zuge und die lustige Gesellschaft, was ihr so recht behagte, „us alle Latte“ war, heimgehen? Als sie einer der Knaben, um sie aufzuziehen, daran erinnerte, dass es aber eigentlich Zeit zum Melken wäre und die Kühe auf der Alp gewiss sehnlich auf sie warteten, geriet die Sennerin in Brast. Sie stampfte auf den Boden, tat den greulichsten Fluch, den sie als Hexe gelernt, und wünschte die gesegnete Alp zur Hölle. Der Tükar (Teufel) möchte, rief sie, die Faust gegen das Meierhofertäli ballend, aus, die fetten Weiden und Mäder samt Heu- und Viehgaden vom Berg herunterkratzen!
Aber so wie sie die entsetzliche Verwünschung ausgestossen hatte, wurde es finster über den Bergen. Urplötzlich hatten sich Wolken vor die Sonne gestellt, und ein Unwetter brach los, wie man es nie zuvor erlebt. Regen und Hagel prasselten unaufhörlich hernieder, und die auf dem Wolfgang sahen, wie es droben am Totalphorn auf einmal anfing zu „rufanen“ und zu rutschen. Unter Blitz und Donner fuhr alles, was grün gewesen, zu Tal, und in kurzer Zeit lagen anstelle der üppigen Weiden kahles Gestein und rotgeglühte, scherbige Erde.

Und Stein und Geröll sind dort geblieben bis auf den heutigen Tag. Mit Recht nennt man darum jene Berggegend die „Tot Alp“. Die böse Sennerin aber wurde auf Davos von Stund an nicht mehr gesehen. Das Volk erzählt, sie sei zur Strafe für ihre Gewissenlosigkeit und Genusssucht in den Totalpsee verbannt worden, der sich längs des Weges zum Weissfluhjoch ausbreitet.
So oft ein Gewitter aufzieht, macht sie sich bemerkbar, bringt das Wasser in Wallung und versucht zu entwichen. Alte Sennen und Hirten wollen bei solchen Gelegenheiten vor Jahren, als sie am Seeli das Vieh hüteten, die Hexe noch selber gesehen haben.


Quelle: Arnold Büchli, „Bündner Sagen“, Gute Schriften Zürich 1966