Märchen zum Lesen

Die drei Hühnchen

Es waren einmal drei Hühnchen. Die Mutter heisst Rossa, ihre Kinder Bianca und Nera. Eines Tages sagt die Mutter zu Bianca: «Geh in den Wald und sammle ein wenig Streu, damit wir warm haben, wenn es anfängt kalt zu werden.»

Bianca gehorcht. Sie geht über die Wiese mit den vielen Blumen und kommt in den Wald. Schon ist Bianca ein Stück weit im Walde drin, da begegnet ihr der Papier­müller mit einem Karren, beladen mit Papier und Karton. Der sagt zu ihr: «Kehr sofort zurück, denn nicht weit von hier ist ein Wolf, der würde dich gerne fressen.»

Und das Hühnchen bittet ihn: «Ach, so mach mir doch ein Häuschen aus Papier und Karton, damit ich mich darin verstecken kann, sobald ich den Wolf kommen sehe.»

Der Papiermüller baut ein Häuschen aus Karton und Papier. Er geht weiter und Bianca beginnt, vertrocknete Halme und dünne Blätter einzusammeln und auf ein Häuflein zu bringen.

Da sieht sie auf einmal ein grimmiges Gesicht zwischen den Baumstämmen hervorlauern, mit Augen so glühend wie Kohlen und einem Maul mit spitzigen Zähnen. Flugs versteckt sich Bianca in ihrem Häuschen aus Karton und Papier. Aber der Wolf zerstört mit zwei Pfotenschlägen das Papierhäuschen, packt das arme Hühnchen und verschlingt es in einem Bissen.

Unterdessen warten Mutter Rossa und Schwester Nera voller Sorge auf die Rückkehr von Bianca. Aber es dauerte immer länger, und Bianca kommt nicht wieder: «Nun gut», sagt Nera, «jetzt will ich in den Wald gehen und schauen, was meinem Schwesterlein zugestoßen ist.»

Also macht sich Nera auf den Weg, spaziert an vielen Wiesen­blumen vorüber und kommt in den Wald. Dort begegnet sie ei­nem Mann mit einem Karren voll Holz, das ist der Schreiner. Der sprach zu ihr: «Kehr sofort zurück, denn nicht weit von hier ist nämlich der Wolf, und der würde dich gerne fressen.»

«Ach», sagt Nera, das Hühnchen «mach mir doch schnell eine Hütte aus Holz, damit ich mich in der Not darin verstecken kann. Ich habe meine Schwester Bianca hier im Wald verloren und ich mag nicht nach Hause gehen, bis ich sie wiedergefunden habe.» Der Schreiner baut für Bianca ein starkes Häuschen aus Holz. Unterdessen pickt und scharrt Nera ein wenig auf dem Moosboden des Waldes. Da findet sie zu ihrem großen Schmerz eine weisse Feder von ihrer Schwester. Und bald sieht sie zwischen den Baumstämmen zwei feurige Augen aufleuchten und darunter ein grosses Maul mit spitzigen Zähnen. Zitternd vor Angst flüchtete Nera in ihr Holzhäuschen. Der Wolf kommt schlägt mit seinen Pfoten, dem Maul und dem Schwanz auf das Häuschen los, bis er es umgeworfen hat. Er packt Nera am Schopf und verschlingt sie in einem Bissen.

Mutter Rossa macht sich zu Hause Sorgen um ihre zwei Hühnchen Bianca e Nera und denkt: «Was ist wohl aus meinen Kin­dern geworden? Sind sie etwa beide umgekommen? Wie konnte ich so töricht sein und sie ganz allein in den Wald hinaus schicken. Ich hätte sie doch begleiten sollen. Es wäre besser gewesen, wenn ich mit ihnen zugrunde gegangen wäre, als jetzt so allein in Angst und Kum­mer zu leben.»

Also macht sie sich auf die Suche nach ihren Kindern, und wie sie in den Wald kommt, begegnet sie einem Mann mit einem Karren. Es ist der Schmied. Der sagt zu ihr: «Kehr sofort um; denn hier im Wald haust ein Wolf, der streift überall umher und sucht sich etwas zum fressen.»

«Ach, so mach mir doch schnell ein Häuschen aus Eisen, worin ich mich verbergen kann. Ich habe in diesem Walde meine bei­den Kinder verloren und gehe nicht fort, bis ich sie wieder gefunden habe.»

Der Schmied baut ihr ein Häuschen von Eisen mit spitzen Ecken und Nägeln. Mittlerweile spaziert Rossa auf dem Waldboden umher und was findet sie? Da liegen weisse und rote Federn im Moos. Oh je, was ist mit Bianca e Nera geschehen?  Da entdeckt sie zwischen den Baumstämmen funkelnde Augen und darunter ein Maul mit spitzen Zähnen. Das ist der Wolf, und sie flüchtet in das eiserne Häuschen.

Der Wolf springt heran und versucht, das Häuschen niederzureißen, aber das geht nicht. Es ist stark gebaut und hat Nägel, die hervorstehen und seinen Pfoten wehtun. Er versucht es mit dem Maul, mit dem Rücken und nochmals mit den Pfo­ten; jedoch vergeblich. Er zerkratzt sich den ganzen Leib.

Da nimmt er in seiner Wut einen Satz und wirft sich gegen das Eisenhäuschen. Und jetzt tut ihm alles weh und halbtot legt er sich auf den Wald­boden in die Sonne und späht zur Türe des Eisenhäuschens, ob die Henne aus dem Häuschen herauskäme, damit er sie packen könnte.

Trotz seiner Schmerzen überfällt schläft er ein und beginnt bald zu schnar­chen.  Als Rossa das hört, kommt sie aus dem Häuschen, geht zum schlafenden Wolf und pickt ihm mit dem starken Schnabel den Bauch auf. Und wen findet sie? Bianca und Nera sind lebendig und freuen sich darüber, dass sie aus dem Wolfsbauch heraus sind. Rossa pickt mit ihrem starken Schnabel noch ins Herz des Wolfs, und er ist tot.

Rossa, Bianca e Nera sammeln noch Halme und Blätter für ihr Nest und kehren damit froh nach Hause zurück.
Und als sie den Schmied mit seinem Wagen wieder einmal sahen, bedanken sie sich bei ihm, weil er ihnen mit dem Häuschen aus Eisen geholfen hat.

Das alles hat vor langer Zeit stattgefunden. Und weil die Hühnchen seither Angst vor dem Wolf haben, sieht man auch keine Hühner mehr im Wald herumspazieren.

Märchen aus dem Tessin, Schweiz


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