Wer hat die Tauben gegessen?

Die Frau eines Schusters hatte zwei Tauben gebraten, für sich und eine für ihren Mann. Sie waren wunderbar gelb gebraten. Da sie noch draußen zu tun hatte, stellte die Tauben auf den Backofen und ging hinaus.
Der Schuster nähte inzwischen. Ab und zu hob er die Nase und sog den lieblichen Duft in sich ein, der die ganze Stube erfüllte. Schließlich kitzelte ihn der Duft so stark in der Nase, dass ihn seine Genäschigkeit nicht länger auf seinem Schemel aushalten ließ. Kaum war die Frau zur Tür hinaus, sprang er von seinem Schemel auf und stand auch schon an der Pfanne. Bevor er jedoch nach einem Täubchen griff, lauschte er gespannt, ob seine Frau nicht noch im Flur sei, und zwar deshalb, weil er vor ihr Angst hatte. Das bestritt er zwar, aber es war so und nicht anders. Draussen war alles still, und der Schuster zog eine Taube aus der Röhre und ass sie auf. Ein Hungriger wird nur satt, wenn er isst, sagt ein altes Sprichwort. Der Schuster war genäschig und hungrig, deshalb hatte er an einem Täubchen auch nicht genug; ohne lange zu überlegen, griff er nach dem zweiten und ass auch dieses ohne jegliche Gewissensbisse auf. Dann setzte er sich wieder auf seinen Dreifuss und nähte eifrig.
Die Frau kam in die Küche zurück, und weil gerade Mittag war, stellte sie die Teller auf den Tisch und trug die Suppe auf. Alles ging gut, doch als sie den Braten bringen wollte, brach aus heiterem Himmel ein Gewitter los. «Wer hat die Täubchen gegessen?», lautete der erste Donnerschlag.
«Mich darfst du nicht fragen, ich bin es nicht gewesen. Ich habe ja nicht einmal gewusst, dass du welche brätst», lautete die Antwort, und so ging es weiter, Frage um Frage, Antwort um Antwort. Der Schuster gab es nicht zu, ja schliesslich sagte er, die Frau habe sie wahrscheinlich selber gegessen und wolle es jetzt ihm in die Schuhe schieben.
»Nun gut, lassen wir den Streit vorläufig ruhen! Aber von nun an werden wir kein Wort mehr sprechen. Wer zuerst den Mund auftut, der hat die Täubchen gegessen.» So entschied die Frau, und wie sie sagte, musste es geschehen.
Von Stund an herrschte im Hause des Schusters Grabesstille. Das verdross beide sehr: Die Frau konnte sich nicht mehr streiten und auch keinen Klatsch erzählen, und dem Schuster fehlte wieder, dass er nicht Widerpart bieten und nicht singen konnte, ja er hätte lieber ihr Keifen angehört als die Grabesstille ertragen. Aber das erste Wort wollte doch keiner sagen.
Es war bereits der dritte Tag, seit sie zum letzten Mal miteinander gesprochen hatten, als vor dem Hause eine Kutsche hielt, der Diener vom Wagen sprang und nach dem Weg zur Stadt fragte. Die Frau öffnete bereits den Mund zu einer Antwort, doch plötzlich setzte sie sich wieder und deutete nur mit der Hand die Richtung an, in der sie fahren sollten. Der Schuster tat das gleiche. Als der Diener zur Kutsche zurückkam, erzählte er seinem Herrn, dass in dem Häuschen zwei Stumme wohnten.
Im selben Augenblick lief die Frau, der ein guter Gedanke gekommen war, aus dem Haus und stieg zu dem Herrn in die Kutsche, wobei sie ihm durch Gebärden zu verstehen gab, dass sie ihm den Weg zeigen wolle. Der Herr machte Platz, der Kutscher knallte mit der Peitsche, und schon rollte der Wagen an.
Da rief der Schuster aus dem Fenster: «Frau, liebe Frau, fahr nicht fort! Verzeih mir, ich habe die Täubchen gegessen!»
Die Frau begann zu lachen und erzählte dem Herrn die ganze Geschichte. Der lachte herzlich und schenkte der Frau des Schusters einen Dukaten, damit sie sich andere Täubchen kaufen könne. Von denen aber bekam der genäschige Mann keinen Bissen ab.

Aus: Božena N?mcov?, Das goldene Spinnrad, Seite 328-330, Gustav Kiepenheuer Verlag, Leipzig und Weimar, 1990
Parabla 2013-01