Schöner als Himmel und Erde

Es war einmal ein Mann und eine Frau. Lange Jahre warteten sie vergeblich auf ein Kind. Endlich wurde ihnen ein Knabe geboren. Alle Leute kamen herbei, um das Kind zu sehen und zu bewundern. In der ersten Nacht, als die Gäste fortgegangen waren und im Hause alles schlief, setzte sich eine grosse, schöne Frau neben das schlafende Kind. Sie legte ihm einen goldenen Stern zwischen die Augenbrauen, sang ein Wiegenlied und verliess den Ort.
In der zweiten Nacht, als alles ruhig war, stellte sich ein dunkler Mann neben die Wiege, zeichnete dem Kind einen schwarzen Punkt auf jeden Fuss, seufzte und ging von dannen.
In der dritten Nacht weinte das Kind im Schlaf, Vater und Mutter aber hörten es nicht. Da war auf einmal ein Kind bei dem Neugeborenen, das zugleich weinte und lachte. Das legte sich zu dem Kleinen und tröstete ihn.
Als der Knabe herangewachsen war, zog er in die Welt hinaus. Er wanderte und wanderte, bis er in die Mitte der Welt kam. Da wollte er das Apfelmädchen holen, das schöner war als Himmel und Erde. Jetzt kam er zu dem Baum. Er ging den Wurzeln nach in die Tiefe, es wurde immer dunkler, und seine Füsse taten ihm weh.
Mit äusserster Anstrengung konnte er das Mädchen sehen, aber nur für die Zeit eines Mäusepfiffs. Da beschloss er, auf den Ästen in die Höhe zu klettern, aber je höher er kam, desto mehr wurde er vom Licht geblendet, und das Gewicht des Sterns zwischen den Augen tat ihm weh. Mit äusserster Anstrengung vermochte er die Umrisse des Mädchens zu sehen, aber nur für die Zeit eines Vogelschreis. Er kletterte wieder auf die Erde hinunter. Müde und elend lehnte er sich an den Stamm des Apfelbaumes. Da fiel plötzlich ein Apfel herunter und heraus sprang ein Mädchen, das war schöner als Himmel und Erde!
«Du hast mich erlöst», sprach sie und umarmte ihn. «Es war höchste Zeit, wärest du bis Mitternacht nicht gekommen, wäre ich mein Leben lang eingeschlossen geblieben, wo es zu dunkel und zu hell ist.»
Dann gingen sie Hand in Hand den weiten Weg zurück. Sie hatten einander viel zu erzählen und manchmal weinten sie und manchmal lachten sie.

Märchen aus Apulien

Silvia Studer Frangi (Hrsg.): Italienische Märchen. Königsfurt-Urania
Parabla 2015-02