Die Wege von Babylon

Ein armer, junger Tessiner Bauer heiratete eine Frau, die noch ärmer war als er. Im Verlauf der Jahre gebar sie ihm elf Kinder. Dies bedeutete eine grosse wirtschaftliche Belastung für den Haushalt. Die Ausgaben überwogen die Einnahmen deutlich, die Schulden wuchsen. Es gelang dem Mann nicht, in der Region eine Beschäftigung zu finden, die der Familie einen Ausweg aus dem Elend eröffnet hätte.
Daher zog er in die Fremde. Bald geriet er in einen Wald, wo sich unzählige Wege kreuzten. Er wusste nicht mehr weiter.
Plötzlich stand ein gut gekleideter Herr vor ihm und fragte: «Warum so traurig?» Der Mann erklärte dem Herrn, wie er dazu gekommen war, auszuwandern, und der vornehme Herr bot ihm an, ihn reich zu machen. «Unter einer Bedingung», sagte der Herr auf Italienisch, «nämlich dass du in einem Jahr und einem Tag hierher zurückkommst und mir sagst, wie viele Wege – sie heissen die Wege nach Babylon – durch diesen Wald führen.» Der Auswanderer war einverstanden und erhielt einen Beutel voller Dukaten.
Voll Freude kehrte der Mann nach Hause, viel früher als erwartet. Mit dem Gold konnte die Familie für alle Kinder Kleider kaufen, Schulden tilgen, das Haus umbauen, den Betrieb vergrössern. Sie genossen ihren Reichtum. Die Nachbarn wurden neidisch.
Die Zeit verging. Vierzehn Tage vor Ablauf der Frist erzählte der Bauer der Frau, an welche Bedingung die Schenkung der Golddukaten geknüpft war. Sie überlegten, wie sie die Zahl der Wege bestimmen oder berechnen könnten. Er zeigte ihr die Stelle im Wald, wo er den Herrn getroffen hatte, sie begannen Wege zu zählen und sich zu fragen, wo ein Weg anfängt und wo er aufhört, bis der Frau eine Idee kam. Sie gingen nach Hause.
Drei Tage bevor das Jahr und der Tag vergangen waren, zog sich die Frau aus, bestrich sich vom Kopf bis Fuss mit Honig, schlitzte ein Kissen auf und wälzte sich in den Federn so gründlich, dass Körper, Kopf, Gesicht und Augenlider mit Flaum bedeckt waren, nur die Augen blieben frei. Sobald es dunkel wurde, ging sie als Vogelmensch in den Wald und im Durcheinander der Wege dorthin, wo ihr Mann diesem Herrn begegnet war. Sie stellte sich auf den Strunk einer Buche und wartete.
Kurz darauf kam der gut gekleidete Herr des Weges, sie flatterte und gluckste und gab wilde Schreie von sich, er blieb stehen, musterte sie und sagte: «Seit Hunderten von Jahren kenn ich diesen Wald und all seine Wege – sie heissen die Wege von Babylon, und es sind genau 366 –, und noch nie habe ich einen so eigenartigen Vogel gesehen.» Kopfschüttelnd ging er weiter.
Die Frau ging nach Hause und wusch sich.
Am Stichtag ging der Mann in den Wald zur verabredeten Stelle. Der gut gekleidete Herr wartete bereits auf ihn. «Und», sagte er, «wie viele Wege führen durch den Wald?» «Sie heissen die Wege von Babylon, und es sind genau 366, so viel wie Tage im Schaltjahr.»
Der noble Herr verlor seine Fassung, kreischte, hüllte sich in Feuer, Rauch und Schwefeldampf und verschwand.

Märchen aus dem Tessin.
Quelle: Stefan Ineichen (Hrsg.). Himmel und Erde. Limmat-Verlag: Zürich, 2003.
Parabla 2014-02