Die drei Fragen

Es war einmal in jenen Zeiten,
da man aus Stroh konnte Silber bereiten,

dass eine Prinzessin lebte, die war so schön und hübsch, wie man keine zweite finden konnte. Ein edler junger Prinz verliebte sich in sie, und da er dachte, hoch genug geboren zu sein, hielt er um ihre Hand an. Aber die Prinzessin sagte: «Ich werde nur den heiraten, der mir drei Fragen beantworten kann: Was ist die Speise aller Speisen, was ist der Trank aller Tränke, und was ist das Gewürz aller Gewürze? Wenn du es mir sagen kannst, werde ich die deine. Wenn du es nicht weißt, werde ich dich nie heiraten.»
Da war der arme Prinz sehr niedergeschlagen, denn er wusste auf keine der drei Fragen zu antworten. Und da er zu verliebt war, um der Prinzessin entsagen zu können, beschloss er, in die Welt zu gehen und die Lösung der drei Fragen zu suchen. Er wanderte und wanderte, besuchte Land um Land, durchquerte Dutzende von Reichen, überschritt hohe Gebirge, setzte über tiefe und reißende Flüsse und durchstreifte dichte Wälder; aber wo immer er fragte, er konnte keine Aufklärung finden.
Da stieß er eines Morgens auf einen Hirten, der auf seiner Schalmei spielte und eine Herde Schafe hütete. Der Prinz wollte ihn nach einer großen Stadt befragen, in der ein weiser alter Mann wohnen sollte, und der Hirtenjunge antwortete höflich und geschickt auf die Fragen des Prinzen. Der wollte zum Ende noch wissen: «Wie heißt du denn, kleiner Hirt?» – «Teufelchen.» – «Das ist aber sonderbar! Und wie kommt es, dass man dich Teufelchen ruft?» – «Weil ich ein Sohn des Teufels und der Teufelin bin.» – «Aber wie kann denn das sein?» – «Doch, Herr, ich bin ein Teufelchen, denn meine Mutter sagt zum Vater oft: ‚Du bist der Teufel in Person!‘, und er antwortet meiner Mutter: ‚Und du bist eine wahre Teufelin!‘ - Also bin ich ein Teufelchen.»
Die ganze Erklärung war so pfiffig vorgetragen, dass der Prinz darüber lachen musste, und da er fand, dass der Bursche schlau war, fragte er ihn: «Nun hör einmal, Teufelchen, kannst du mir vielleicht sagen, welche die Speise aller Speisen ist?» – «Aber was für eine Frage! Das weiß doch jedes Kind, dass das Brot die Speise aller Speisen ist, denn alle Menschen essen es, gleich, ob Heiden, Juden oder Christen. Und wenn ein Mensch hungrig ist, verlangt er je etwas anderes als Brot?»
Der Prinz war überzeugt, dass der Hirtenjunge das Richtige getroffen habe, und er fragte deshalb weiter: «Und was ist der Trank aller Tränke?» – «Was! Das wisst Ihr nicht? Alles weiß doch, dass das Wasser der Trank aller Tränke ist. Menschen, Tiere und Pflanzen müssten sterben, wenn es kein Wasser gäbe, und was verlangt ein Mensch, wenn er durstig ist, anderes als Wasser?»
Die Antwort gefiel dem Prinzen genauso wie die erste, und so fragte er zum dritten Mal:  «Nun möchte ich doch auch noch wissen: Was ist das Gewürz aller Gewürze?» – «Aber gibt es denn auf der Welt überhaupt jemand, der das nicht weiß? Das Gewürz aller Gewürze ist doch das Salz! Ohne das Salz wäre jedes Essen ohne Geschmack, und ohne Salz möchten nicht einmal meine Ziegen und Schafe leben.»

Da erkannte der Prinz, dass auch diese Antwort die natürlichste Erklärung war, und er konnte nicht verstehen, dass er nie darauf gekommen war und dass alle weisen Alten ebenso wenig diese einfache Lösung gefunden hatten. Er schenkte dem Hirten eine Börse voll Golddukaten und machte sich hoffnungsvoll auf den Heimweg.
Als er in die Stadt kam, in der jene Prinzessin wohnte, fragte er gleich, ob sie noch ledig sei oder inzwischen geheiratet habe, aber so viele Junggesellen auch gekommen waren, keiner hatte die Antwort gefunden, und die Prinzessin hatte schon die Hoffnung aufgegeben, sich noch jemals zu verheiraten. So ging der Prinz in den Palast und gab der Prinzessin Antwort auf ihre Fragen, und sie war sehr zufrieden mit seinen Antworten. Am glücklichsten aber war der König, der nun endlich seine Tochter unter die Haube gebracht hatte, und er ließ eine glänzende Hochzeit feiern.


Leicht korrigiert aus: MdW Spanische Märchen, 1922 erzählt von einer Wäscherin aus Barcelona
Parabla 2011-01