Der jüdische Kalender

Vor unendlich langer Zeit hat der Allmächtige viele Welten geschaffen, die er wieder zerstörte, da sie ihm nicht gefielen. Schliesslich hob er seine Rechte und spannte den Himmel, dann streckte er die Linke und schuf die Erde. So entstand die Welt, auf der wir leben.
«Allmächtiger Gott! », seufzte die Erde. «Ich bin so weit entfernt von dir, der Himmel ist dir nah, ich bin einsam und allein.»
Gott aber erwiderte: «Dir soll kein Unrecht geschehen, ich habe für alles, was ich geschaffen habe, vorgesorgt. Menschen und Tiere, Bäume, Pflanzen und Vögel werden dich bevölkern. Bald wirst du voll Duft sein, es werden Blumen blühen, Früchte reifen, die Menschen und Tiere ernähren.»
Da beruhigte sich die Erde und Gott ging an seine Arbeit, denn die Schöpfung war noch nicht vollendet. Er schuf die Sonne und den Mond. Kaum waren sie am Himmel aufgegangen, verschwand die Finsternis und die ganze Welt war voll Licht. Sonne und Mond waren damals gleich gross, denn Gott hat ihnen die gleiche Macht verliehen. Sie strahlten mit gleicher Helligkeit  und wechselten einander am Firmament ab.
Indes – der Mond war unzufrieden. Er wollte grösser und mächtiger sein als die Sonne. Also nahte er sich dem Thron des Ewigen und sprach: «Es ist nicht gut, dass zwei Könige nebeneinander regieren. Einer muss sich dem andern unterordnen, so hast du es in der Welt eingerichtet.»
Gott grämte sich. «Ich wollte Ruhe und Frieden für alle», dachte er, «und schon ist der Neid auf der Welt». Er mass den Mond mit traurigem Blick und sprach:
«Wenn du so denkst, will ich einen Teil von dir in Milliarden Sterne verwandeln und du sollst in ihrem Glanz verblassen. Weil du der Sonne das Licht neidest,  sollst du es von nun an von ihr empfangen. Und weil du glaubtest, ich würde dich, Ungerechter, erhören, so wie ich die gerechte Erde erhörte, sollst du in ihrem Schatten stehen.»
Und schon schrumpfte der Mond zusammen.
Da brach der Mond in Tränen aus. «Herr der Welt», flehte er, «verzeih mir und erbarme dich meiner!»
«Mein Wort kann ich nicht zurücknehmen», sagte Gott, «aber es sei dir ein Trost, dass Myriaden von Sternen dich umgeben werden, und die Juden werden Jahre und Tage nach dir berechnen und nie vergessen, dass Neid auch das hellste Licht verblassen lässt.»
Seither begleiten die Sterne den Mond und die Juden richten ihren Kalender nach ihm. Sie berechnen das Jahr nicht nach dem Sonnenumlauf, wie andere Völker, sondern nach Mondphasen. Und wenn die Mondsichel zunimmt, beten die Israeliten im Schein des Mondes ein besonderes Gebet. In diesen Augenblicken ist der Mond am glücklichsten. Er wird zum Vollmond, auf den die Erde keinen Schatten wirft; und während er seinen Schöpfer preist, vergisst der Mond seine uralte Sünde.

Leo Pavl?t: Jüdische Märchen. Artia Verlag: Praha, 1985.
Parabla 2012-01