Das Zicklein-Zottelbein

War es oder war es nicht, es war einmal ein Zicklein-Zottelbein. Das hatte zwei Kinderchen. Eins – Alul, eins – Buhlul. Sie hatten ein Haus, und daneben war ein Wasser, und ihre Mutter ging jeden Tag ans Ufer, um zu weiden. Wenn sie sich sattgefressen hatte,  kam sie nach Hause und klopfte an die Tür: «Mein Alul, mein Buhlul, öffne deine Tür! Ich habe auf meinen Hörnern Gras, in meinem Euter Milch, in meinem Maul Wasser mitgebracht.» Ihre Kinder¬chen kommen heraus, öffnen die Tür, dann aber fressen sie das Gras und trinken das Wasser und die Milch, welche die Mutter ihnen mitgebracht hat. Ihre Mutter geht wieder fort Gras zu holen.
Dass die Kinder der Ziege allein bleiben, erfährt ein Schakal. Einmal, als das Zicklein-Zottelbein nach Gras ausgegangen war, kommt der Schakal, macht seine Stimme so wie die des Zickleins-Zottelbein und klopft an die Tür. Alul und Buhlul sagen: «Unsere Mutter ist gekommen» und öffnen die Tür. Der Schakal fraß sie beide auf, bespritzte die Wände mit Blut, reißt die Tür weit auf und geht fort, Die Ziege kommt und sieht, dass ihre Kinder nicht da sind. Die Wände sind mit Blut beschmiert. Schnell wirft sie das Mitgebrachte hin und geht auf das Haus des Schakals. Dann fängt sie an, mit den Füßen gegen das Dach zu stoßen. Der Schakal, der sich im Haus befand, sprach:
    
«Wer, wer ist auf unserem bebenden Dach? Gesalzen wurde unsere Suppe ohne Butter, erblindet ist unser treuer Gast.»

Die Ziege antwortet vom Dach: «Ich, ich, Zicklein-Zottelbein, klopfe mit beiden Füssen.
Meinen Alul hast du gefressen, meinen Buhlul hast du gefressen,
Komm heraus zum Kampf mit meinen Hörnern.»

Da spricht der Schakal: «Freund, heute habe ich einen Gast, gehen wir morgen zum Meister, lass du deine Hörner schleifen und ich meine Zähne.»

Zicklein-Zottelbein lief nach Hause und bereitet aus seiner Milch sieben Butterfladen. Der Schakal kommt ohne Butterfladen. Da er nicht wusste, was er mitnehmen sollte, bindet er in einen Lappen seinen getrockneten Mist ein. Dann gehen beide zum Meister. Der Meister nahm die But¬terfladen der Ziege und schleift ihr die Hörner. Dann streut er das vom Schakal Mitgebrachte aus und wirft es fort, reißt ihm die Zähne aus und setzt ihm an ihrer Stelle Baumwollsa¬men ein. Dann gehen sie beide und trinken aus einem großen Bewässerungsgraben. Die Zähne des Schakals schwimmen alle mit dem Wasser fort.
Von da gehen beide auf den Platz und kämpfen. Das Zicklein-Zottelbein nimmt einen großen Anlauf und stößt ihre Hörner dem Scha¬kal in den Bauch. Ihre Kinder kommen heraus, klammern sich an ihre Mutter und erreichen so die Erfüllung ihrer Wünsche.

I. Levin (Hrsg.): Märchen vom Dache der Welt. Diederichs Verlag. 1986
Parabla 2017-03