Barbligna mit dem goldenen Stern

Die arme Barbligna war sehr traurig, denn ihre Stiefmutter hatte ihr gesagt, dass die kleine Kuh im Stall unten geschlachtet werde, die kleine Kuh, die sie so sehr mochte. Doch diese tröstete sie und sagte: «Lass nur, meine Barbligna, sie sollen mich schlachten. Schau nur, dass du zum Inn hinuntergehen kannst, um den Magen auszuwaschen, und du wirst darin ein Kästchen finden. Nimm es und bewahr es gut auf, und wenn du einen Wunsch hast, so sag ihn nur dem Kästchen, und er wird erfüllt.»


Am Tag der Hausmetzg bot sich Barbligna an, mit dem Magen zum Inn zu gehen. «Das fehlte gerade noch», sagte die Mutter, «der würde wohl gut ausgewaschen.» Doch Barbligna versicherte ihr, sie habe im Vorjahr genau aufgepasst, wie die Frauen es angepackt hatten; sie wisse ganz gut, wie es gemacht werden müsse. Da liess die Mutter sie an den Inn gehen. Barbligna hatte eben das Kästchen gefunden und es am Hals herunter verschwinden lassen, als die Mutter erschien, um zu sehen, was sie trieb. «Was, du faules Luder, bist du noch nicht fertig mit dem Magen?», schrie sie, «gib ihn mir her und scher dich fort, du oberfaules  Ding». Barbligna liess sich das nicht zweimal sagen, lief rasch nach Hause, stopfte ein paar Kleider in ein Tuch, und mit ihrem kleinen Bündel unter dem Arm ging sie in den Garten hinunter. Dort nahm sie ihr Kästchen hervor und wünschte sich ein gläsernes Haus und dass sie damit gehen könne, wohin sie wolle. Und im selben Augenblick waren dort ein Häuschen und ein Stab, um es dahin zu lenken, wo sie wollte. Barbligna stieg hinein, und sofort setzte sich das Häuschen in Bewegung und ging und ging durch Wiesen und Wälder und über Hügel und Berge, und schliesslich kam sie in eine grosse Stadt. Vor einem schönen Palast hielt sie an, sie trat ein und bat um eine Stelle: da wurde sie als Hühnermagd angestellt. Barbligna schaute gut zur Hühnerschar, und zwischendurch nahm sie das Kästchen hervor und wünschte, dass ihre Hühner tüchtig Eier legten, und die Hühner taten dies, dass es eine grosse Freude war. Jeden Tag konnte sie einen Haufen Eier zum Palast bringen, und alles sagte, so gut hätten die Hühner noch nie Eier gelegt.


Eines Tages nun hörte Barbligna, dass der Sohn der Königin, die im Palast wohnte, einen Tanzabend veranstaltete, und Barbligna wollte unbedingt auf diesen grossen Ball gehen. Und sie wünschte sich dazu ein schönes Kleid und auch kleine Pantoffeln. Und in dem Augenblick lag dort ein wunderschönes Kleid, himmelblau mit Sternlein, und auf dem Kopf trug sie einen goldenen Stern. Und sie ging an den Tanzabend und war dort  die Schönste der Schönen. Alle sahen sie an und bewunderten sie. Doch der Prinz, der  konnte sie gar nicht genug ansehen, denn sie war so schön und anmutig, und er tanzte nur mit ihr mehrere Runden. Doch als es zu dämmern begann, da war sie auf einmal fort, und der Prinz war ganz traurig und konnte sich nicht vorstellen, wohin sie entwischt sein könnte. Er liess nicht locker, er fragte den einen und fragte den andern, aber keiner vermocht ihm zu sagen, wohin sie verschwunden sei. Nun wollt er noch einen Ball geben, in der Hoffnung, sie werde wieder erscheinen. Und tatsächlich, Barbligna erschien wieder. Dieses Mal hatte sie sich ein weisses Kleid gewünscht, und sie war wieder schön wie ein Engel. Und der Prinz war glücklich und selig, dass er sie wieder gefunden hatte, und gab ihr einen schönen Ring. Doch vor Tagesanbruch war die Schöne wieder verschwunden. Der Prinz verzweifelte, weil er sie nicht mehr sah und all seine Nachforschungen vergeblich waren. Jetzt wurde der Prinz vor Kummer krank, und der Mutter tat es weh, dass ihr Sohn so schlecht dran war. Sie gab ihm allerlei gute, stärkende Sachen, um ihn wieder zu Kräften zu bringen, aber nichts half. Eines Tages war sie wirklich selber in die Küche gegangen, um ihm eine Suppe zu kochen. Unterdessen tauchte auch Barbligna in der Küche auf. Da benutzte sie schnell einen Augenblick, wo die Mutter auf die andere Seite schaute, und warf den Ring, den ihr der Prinz gegeben hatte, in die Suppe. Und als er die Suppe gegessen hatte, was sah er auf dem Grund des Tellers? Den Ring, den er seiner Tänzerin geschenkt hatte. Sofort liess er seine Mutter rufen und wollte wissen, wer in der Küche gewesen war, während sie die dicke Suppe gekocht hatte. Und die Mutter sagte: «Nun, wer soll dort gewesen sein? Niemand anders als ich. Einen Augenblick lang war auch die Hühnermagd dort, doch die kann es natürlich nicht sein.» Doch der Prinz bestand darauf, die Magd zu sehen, und als Barbligna kam, nahm er ihr sogleich das Tuch weg, das sie um den Kopf trug, und was kam zum Vorschein? Der glänzende goldene Stern, denn der war ihr geblieben. Damit niemand sie erkennen konnte, hatte sie immer ein Kopftuch getragen. Welche Freude, welche Fröhlichkeit! Er umarmte und küsste Barbligna, und die Krankheit war wie weggeblasen. Und kurz darauf heirateten sie. Was für eine wunderschöne Hochzeit das war, das kann man sich denken.


Ursula Brunold-Bigler/Kuno Widmer: Die drei Hunde. Märchen aus dem Unterengadin. Desertina 2004.
Parabla 2012-02