SMG-Jubiläum auf Schloss Sargans (August 2003)

1993 bis 2003: zehn Jahre Schweizerische Märchengesellschaft

Rosenrots glanzvolle Hofhaltung im Schloss

Schneeweisschen und Rosenrot haben sich für einmal getrennt. Rosenrot erwartet die Gäste vor dem Hauptportal, um ihnen den Weg zu weisen ins Schloss von Sargans, wo an diesem Samstag, dem 30. August 2003, ein Fest steigen soll, ein Fest zu Ehren der Schweizerischen Märchengesellschaft, die ihren zehnten Geburtstag begehen kann. Schneeweisschen hat sich bereits unter die Gäste im trutzigen Burghof gemischt. Es sind Katalin Horn und Barbara Gobrecht, als Märchen- und Erzählforscherinnen zwei Schwestern im Geiste, die sich da in Schneeweisschen und Rosenrot, die Töchter der armen Witwe, verwandelt haben, denen im gleichnamigen Märchen der Brüder Grimm harte Kämpfe mit einem Zwerg bevorstehen. Gar so grimmig wird es für die beiden nicht werden an diesem Sommertag im St. Gallischen. Die Aufmachung aber ist perfekt – ganz entsprechend den Informationen auf der gediegenen, in Märchengold gehaltenen, von Cäzilia Hollenstein konzipierten Einladung, die Kostüme für die Teilnehmerinnen und Teilnehmer als wünschenswert anpries, sie aber glücklicherweise nicht gleich zur Pflicht erhob. Einige wären schön in Verlegenheit geraten.

Mit dem Märchen „Das Wasser des Lebens“ wird das Jubiläumsprogramm an diesem Samstag eingeleitet. Das Festpublikum erlebt ein beeindruckendes Schattenspiel mit dem Figurentheater PAO-PAO, an dem Margrit Aemmer, Lydia Holt-Rauh und Bernadette Schibli beteiligt sind. Welch eine märchenhafte Palastlandschaft ist da gestaltet worden, welch scharfe Konturen haben doch der kranke König, der zur Gesundung das Wasser des Lebens dringend benötigt, seine drei Söhne und der Zwerg, der dem jüngsten beisteht auf seiner Suche nach dem kostbaren Nass, weil er im Unterschied zu seinen beiden Brüdern zuvorkommend gegenüber dem kleinen Männchen war. Die Handlung ist recht aufwändig und deshalb keineswegs einfach auf eine Miniaturbühne zu übertragen: Das Team besteht diese Aufgabe jedoch mit Bravour.

In den Mikrokosmos eines Häuschens entführt sodann Maria Rosaria Valentini die Tafelgesellschaft mit ihrem dramatisierten Tierschwank. Niemand kann sich dem sprühenden Feuer, von dem sie erfasst ist, entziehen. Artikulation, Mimik und Gestik sprudeln ineinander und machen das Drama so anschaulich, dass das Geschehen sogar jene problemlos verstehen, die nicht Italienisch sprechen. Der Inhalt: Entgegen den Anweisungen der Mutter hat das Kind die Hütte verlassen, was die böse eiserne Ziege dazu nutzt, schnell hineinzuschlüpfen. Wie ist sie wieder herauszulocken? Ein Jäger und eine alte Frau, die vorbeikommen, versprechen Hilfe, lassen das Kleine dann aber feige im Stich. Erst ein Vögelein führt eine Wende herbei und zeigt, wie auch der Schwäche mächtig zu sein vermag.

Fix eingerichtet in einem andern Haus sind in einem lombardischen Märchen, das von der Malerin, Therapeutin und Märchenerzählerin Gerda Alder sowie ihrem Ehemann Bruno Alder präsentiert wird, drei neugierige Hexen. Sie sind nicht böse, aber wenn vorbeiziehende Menschen ihre Fangfragen nicht höflich beantworten, werden diese ihre Ruppigkeit hinterher zu bereuen haben.

Eine Leichtigkeit des Seins durchzieht den Walliser Schwank von Gutbrand, den Irene Briner für den SMG-Geburtstag gestaltet hat. Gutbrand wird von seiner Frau geraten, auf dem Markt seine Kuh zu verkaufen. Das löst eine Kettenreaktion im Sinne eines fragwürdigen Tauschhandels nicht zum Vorteil Gutbrands aus, wie wir sie aus „Hans im Glück“ kennen. An sich müsste man sich wegen Gutbrands Gutgläubigkeit an den Kopf greifen, aber seine Frau lobt ihn bei seiner Rückkehr über den grünen Klee, und er gewinnt, weil er ihr Verhalten richtig vorausgesagt hat, eine Wette von 100 Silbertalern. Dieser Schwank will mit einer gehörigen Dosis Augenzwinkern vorgetragen werden; die Puppenspielerin und Märchenerzählerin findet genau den richtigen Ton, und das ist auch buchstäblich gemeint, benützt sie doch zur Untermalung des Gesprochenen ein Instrument, das KOTAMO, das beweist, wie Märchen und Musik eine Einheit zu bilden imstande sind.

Die Kraft eines Märchens erfährt ihre Zuspitzung manchmal in einem einzigen Satz. Dorothea Hartmann hat gespürt, dass das griechische Märchen „Der Sacknäher“ eine solche Verdichtung enthält und hat es für Sargans entsprechend dramatisiert. Sie spielt eine traurige Frau, die mit monotoner Stimme stets den einen Satz spricht: „Ich ganz allein habs verstopft.“ Sie hat ihre Schicksalsquelle aus eigenem Verschulden zum Versiegen gebracht. Aber ihre pessimistische Grundhaltung hindert sie daran, das Steuer herumzureissen. Wenn da nicht der König wäre. Es ist schon so: Ab und zu muss man einem Menschen geradezu das Glück aufzwingen und ihn sehend machen. Die Interpretin Dorothea Hartmann und ihr Team bilden mit ihrem Märchentheater einen würdigen Abschluss der Darbietungen.

Mit nach Hause nehmen dürfen alle eine von Barbara Gobrecht mit Akribie zusammengestellte „Chronik der SMG“, für deren illustrierte Vorder- und Rückseite mit dem Emblem der Gesellschaft und Prinzessinnen, die sich zu einem „kleinen Kongress“ versammelt haben, ebenfalls Cäzilia Hollenstein die Verantwortung trägt – Feinfühligkeit hat die Hand der Künstlerin geleitet. Die Gesellschaft hat also bereits eine Geschichte, besitzt eine Identität, die sie aus dem Personal schöpft, das die Märchen stellen und dessen Zahl Legion ist – Schneeweisschen und Rosenrot sind nur zwei davon.

Christophe Pochon (Kulturredaktor beim Bieler Tagblatt)


Bildergalerie

 

Abschluss Aufstieg B. Gobrecht Empfang
Gruppenbild Gruppenbild Logo HoGo Kreistanz
M. Valentini Närrin Prinzessin Schlossagen
Schlosshof U. Heindrichs

 


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