Märchen und Kunst Bad Ragaz (September 2006)

SMG-Tagung vom 1. – 3. September 2006 in Bad Ragaz
im Rahmen der Schweizer Triennale der Skulptur

Im Kurpark mache ich Bekanntschaft mit den ersten Skulpturen. Welches Spektrum an unterschiedlichsten Materialien! Vor dem Grand-Hotel Quellenhof lädt ein Büffet mit den köstlichsten Speisen ein, alles aus Keramik. Gesichtslose Tiere aus Blech richten ihre Schnauzen in gebührendem Abstand darauf. Ein Ei aus weissem Marmor glänzt in der Sonne. In einen Baum hinauf führt eine kleine hölzerne Treppe mit lustigen hölzernen Menschlein in allen Farben.

Altbekannte und viele neue Gesichter. Auf der Bühne stehen ein Baum und eine Baumfrau, die uns durch die drei Tage begleiten werden. Caroline Capiaghi, die Ausrichterin dieser Wochenendtagung, begrüsst uns und dankt allen Sponsoren. Auch der Gemeindepräsident, Herr Guido Germann, heisst uns willkommen und preist die Vielseitigkeit des Kurortes.

Elisa Hilty wartet mit einer indianischen Baumgeschichte auf, in welcher ein Baum einem Mann ein Kind gebiert, das er später zur Frau nimmt. „Nun wissen wir, dass die Frau aus einem Baum entstand. Aber woher die Männer gekommen sind, wissen wir bis heute nicht.“ Dann erzählt Silvia Studer-Frangi die Geschichte von den vier Künstlern, die aus einem Stück Holz eine schöne Frau schaffen. Jeder trägt etwas dazu bei: Der Holzbildhauer schnitzt sie, der Maler bemalt sie, der Goldschmied schmückt sie, und der Derwisch haucht ihr die menschliche Sprache ein. Nun will jeder sie besitzen. Doch die Frau bedankt sich bei jedem, verabschiedet sich und geht zum nächsten Baum. Dieser öffnet sich, nimmt sie auf und schliesst sich wieder. So kehrt jedes Ding zu seinem Ursprung zurück.

Elisa führt mit dem Erschaffer der Baumfrau auf der Bühne, dem Künstler und Psychiater Peter Leisinger, ein Gespräch über seine Arbeit, wie er ein Stück Holz betrachtet, viele Skizzen macht und dann mit der Kettensäge ans Werk geht.

Der Samstagvormittag ist vorerst dem Puppentheater Bleisch gewidmet. Ursula Bleisch, die sonst zusammen mit ihrem Mann auftritt und durch die Lande zieht, stellt uns ihr Theater in Wort und Tat vor. Da gibt es grosse und kleine Puppen, Stabpuppen, Marionetten und Marotten. Und wie sie funktionieren, wird gleich mit kleinen Kostproben vorgeführt. Märchen eignen sich besonders für das Puppenspiel. Da braucht es Einfühlungsvermögen, Fantasie und auch genaue Kenntnisse des Umfeldes des Märchens, um die Märchenbilder in Theatersequenzen umzusetzen.

Nun geht es in drei Gruppen in die Skulpturenausstellung. Unsere Gruppe wird zuerst zum grossen Teich des Kurparks geführt. Margrit Frei erzählt zur Einleitung ein Märchen. Dann wählt Herr Weibel einzelne Skulpturen aus und weiss darüber und über den Künstler viel Interessantes zu erzählen. Es ist beeindruckend, wie die Figuren und Installationen an ihrem bestimmten Platz in der Landschaft zur Geltung kommen.

Am Nachmittag - nach einem koreanischen Märchen, erzählt von Ruth Rederer - führt uns die Psychotherapeutin Linda Briendl in ihrem Vortrag anhand von archetypischen Kunstwerken aus verschiedenen Kulturen und Epochen durchs menschliche Leben vom Kleinkind bis ins Greisenalter.

Und dann beginnt der Erzählabend zum Thema Aqua im Jodok-Saal. Neben einer stimmungsvollen Installation aus Wasser, Kerzen und Blumen der Künstlerin Elisabeth Joos beginnen vier junge Musiker der Satie’s Fraktion zu spielen und reissen uns mit ihrer jazzigen Musik mit. Alle vier haben auch eine Eigenkomposition beigesteuert. Ihre Begeisterung ist ansteckend, und niemand kommt auf die Idee, diese Musik passe nicht zu Märchen. Perfekt rahmen sie die Geschichten der drei Erzählenden ein: Caroline Capiaghi, Gidon Horowitz und Silvia Studer-Frangi.

Der Sonntag wird von Doris Portner eingeleitet durch das chinesische Märchen „Der wunderbare Brokat“ und ist dann fünf Arbeitsgruppen gewidmet: Gidon Horowitz bietet spielerische Übungen im freien Erzählen an, Elisa Hilty spielerische Vertiefung und Gestaltung eines Märchens, Elisabeth Joos Kunst mit Naturmaterialien, Heidi Hafen Kreistanz und Peter Leisinger Kunst mit Überresten der Baumfrau. Alle nehmen irgendwie Bezug zu gehörten Märchen, speziell zum letzten vom Brokat.

„Das war ein Fest, nicht bloss eine gewöhnliche Tagung“, meinte eine Teilnehmerin am Schluss der Veranstaltung. Ich pflichte ihr bei und danke allen, die mitgeholfen haben zum Gelingen, besonders den Frauen aus den Märchenkreisen Werdenberg, Sarganserland und Chur.

Christine Altmann-Glaser

 


Bildergalerie

Die Baumfrau, erschaffen von Peter Leisinger Begrüssung durch Caroline Capiaghi, Organisatorin und Moderatorin der Tagung Blick aus dem Saal zur Bühne mit der Baumfrau
Caroline Capiaghi erläutert das Programm Silvia Studer-Frangi erzählt das Märchen von den vier Künstlern, die aus einem Stück Holz gemeinsam eine Frau erschaffen Silvia Studer-Frangi beim Erzählen
Gespräch mit dem Künstler über seine Baumfrau Peter Leisinger Stimmungsbild vom Erzählen für Nachtschwärmer
Urashimo Taro, ein japanisches Märchen, gespielt vom Puppentheater Bleisch Ursula Bleisch erläutert, wie die Puppen gespielt werden Ursula Bleisch mit Puppe
Aufmerksame Zuhörerinnen Hilda Weibel erzählt zu Beginn der Führung durch die Skulpturenausstellung Ragartz Lebensgrosse Figurengruppe aus Steinzeugkeramik von Christina Wendt
Psst. Weisst Du, wer das ist? (Figur von Christina Wendt) Das sind alles Märchenfrauen, die sich für Kunst interessieren Fotografieren erlaubt
Die Kämpferin (Stelen von Felicitas Lensing-Hebben) La grande bouffe von Shimmi's Workshop (Hexenclub) Ruth Rederer erzählt ein koreanisches Märchen
Die Psychotherapeutin Linda Briendl beim Vortrag Und immer hört die Baumfrau interessiert zu Nachtessen im Festsaal (altes Bad Pfäfers)
Einstimmung auf den Erzählabend Jazzige Musik der Gruppe Satie's Fraktion Doris Portner mit dem chinesischen Märchen vom wunderbaren Brokat
Caroline Capiaghi erläutert die Workshops Workshop mit Peter Leisinger: aus Holzresten werden weitere Baumfrauen erschaffen Elisa Hilty leitet den Workshop: Spielerische Vertiefung und Gestaltung eines Märchens
Ein weiterer Workshop beschäftigt sich mit Märchen und Tanz Heidi Hafen, Tanzpädagogin, und Doris Portner, Erzählerin Gidon Horowitz und die TeilnehmerInnen, die anhand von selbst gefertigten Zeichnungen ein Märchen memorieren
Gidon Horowitz, Erzähler und Leiter des Workshops: Die Kunst des freien Erzählens Die Gruppe hört gespannt den individuellen Versionen des Märchens vom Äffchen und dem Hai zu Kunst mit Naturmaterialien
Elisabeth Joos gibt Tipps und Anregungen An die Baumfrau wird letzte Hand angelegt Stolz präsentieren die ErschafferInnen ihre Baumfrau
Baumfrau Vorführung eines Reigentanzes Elisabeth Joos präsentiert die Naturmaterialien
Die individuellen Kreationen werden vorgestellt Peter Leisinger erläutert den Gruppenprozess der Entstehung der Baumfrauen Caroline Capiaghi freut sich über die Baumfrau, die ihr die ErschafferInnen als Dankeschön überreichen
Alice Spinnler (2006 Vorsitzende der SMG) verabschiedet die TeilnehmerInnen Nahaufnahme der zweiten Workshop-Baumfrau Die Baumfrau auf dem Weg nach Buchs
Caroline Capiaghi und die Baumfrau in ihrem Garten

 

Zurück zur Übersicht