Seminarreihe 2019: Süss und duftig, wild und magisch

…und sie blühte wie im Märchen: am richtigen Ort und zur richtigen Zeit Unglaublich, was ich in Basel alles zu hören und zu sehen bekommen habe zu mehr oder weniger lebendigen Pflanzen in Märchen. Und was die nicht alles mit Märchenfiguren, mit mir als Leserin, Hörerin und Erzählerin machen, habe ich auch im Nachklang noch nicht voll erfasst.

Kurz und gut: Die vier Samstags-Seminare von der Vielfalt der Pflanzen in Märchen und Sagen sind sehr inspirierend, aufklärend, ergänzend, verstörend, spannend, schön und gut gewesen und sie hallen noch nach.

Und jeden Mittag hat die Botanikerin Heidrun Janka im Botanischen Garten das greifbare I-Tüpfelchen zum jeweiligen Seminarthema gesetzt. Emotional und mit unglaublichem Wissen. Toll!

Am Anfang der Baum
Den fulminanten Anfang hat die Erzählforscherin Dr. Barbara Gobrecht zusammen mit der Erzählerin Denise Racine gemacht zu den Märchenbäumen.
Dass die beiden sich bäumig gefreut haben auf ihren Samstag, das habe ich sofort gespürt.
Einmal mehr hat Barbara Gobrecht meine Erwartungen mehr als erfüllt: Sie hat mich gefüttert mit Wissen und Hintergründen, hat mir deutlich gemacht, wie wichtig es ist bei der Aufarbeitung von Märchen und zur Erzählvorbereitung, Sprichwörter und Redensarten zu untersuchen und mich mit dem ganzen historischen, gesellschaftlichen und sozialen Umfeld der Geschichten zu befassen. Sie hat die Märchen-Bäume eingekreist, umgarnt und durchleuchtet. Und sie hat den Blick geschärft fürs Hauptmotiv, für das Requisit, das die Geschichte am Laufen hält.
Dass Barbara Gobrecht bei ihren Vorbereitungen manchmal vor lauter Bäumen den Wald fast nicht mehr gesehen hat, das wundert mich absolut gar nicht. Denn Bäume wurzeln tief und breit und gar nicht so selten wachsen sie bis in den Himmel. Und das in unzähligen Geschichten auf der ganzen Welt.
Ich bin froh, dass ich mir so viele Notizen gemacht habe und ich neben den erwähnten und erzählten Märchen auch eine Literaturliste und eine Sammlung mit Redensarten und Sprichwörtern erhalten habe. Sie helfen mir, mich zu orientieren und auch ab und zu den Wald zu finden.

Goldgelb und feuerrot: am Baum leuchtet der kugelrunde Apfel
So viele Märchen und Geschichten wie am zweiten Seminartag habe ich schon lange nicht mehr hören dürfen. Zum Glück habe ich alle Geschichten, die Sabine Lutkat und Beat Rajchman von märchenhaften Äpfeln erzählt haben, zugeschickt bekommen. Sonst hätte ich jetzt bestimmt nur noch Apfelmus im Kopf. Gut, das könnte ich versuchen, als Marktschreierin einem tapferen Schneider zu verkaufen…
Dass uns Äpfel viele Blicke in die sogenannten Anderswelten gewähren, ist mir an diesem Samstag wieder so richtig bewusst geworden. Auch, dass ich wieder vermehrt darauf achte, welche Früchte warum eine Hauptrolle spielen in Märchen. Manchmal werden sie nur am Rande erwähnt und sind doch der Schlüssel zum Verständnis, zur Erkenntnis und letztlich zum guten Erzählen.
Sabine Lutkat hat den Apfel von aussen und innen beleuchtet, sie hat die goldene Kugel gesehen und die Geschlechtersymbolik. Und sie hat mir mit den erzählten Geschichten gezeigt, dass ich mein Augenmerk auf das Sinnbild von Leben und Tod lenken sollte.
Denn in vielen uralten Sagen und Märchen aus aller Welt steht der Baum mit den Äpfeln zwischen den Welten. Und dort wird er bewacht von Schlangen, Drachen und Hunden oder Erzengeln. Aber hei, es lohnt, sich mit Märchenheldinnen und -helden auf den Weg zu machen und die alles verheissende Frucht zu pflücken. Und sei es auf Umwegen und mit List.

Von Liebe, Lust und duftenden Kräutern
„Verliebt in Duftkräuter“. Wie habe ich mich auf diesen dritten Seminartag gefreut! Und auch diesmal ist die Vorfreude nicht die grösste gewesen. Das unglaubliche Wissen der Germanistin Barbara Löpfe und ihre Liebe zu Gärten, der Sprache und dem Erzählen gepaart mit dem tiefgründigen Erzählkönnen von Annemarie Euler haben meine Erwartungen weit übertroffen. Alle haben sie angesteckt mit ihrem Gwunder, mit ihrer Detailliebe, mit ihrer fröhlichen Intensität und ihrer Freude an Kräutern, Gärten und Märchen, die davon berichten.
Viele Pflanzenfrauen habe ich kennengelernt. Das Verständnis von Zusammenhängen zwischen Kräutern und ihren Märchen ist geweckt genauso wie die Lust, alle Kräuter anzufassen, zu streicheln und den intensiven Duft mit allen Sinnen aufzunehmen. Sehr viel habe ich erfahren zu den mythologischen und kulturellen Hintergründen und auch, wie hohe Literatur und Kunst mir die Zugänge zu unseren Volksgeschichten neu beleuchten können. Aber auch das ist mir wieder einmal mehr klargeworden: in Märchen steckt enorm viel Wissen. Wissen um Krankheiten und Gesundheit und um die Kraft von Kräutern. Ein Wissen, das wir uns heute noch zunutze machen.

Der magische vierte Seminartag. Der Tag an dem SIE geblüht hat
Bereits die differenzierte Ausschreibung zu diesem vierten Seminartag hat mein Herz höher schlagen lassen.
Schon vieles habe ich raunen und flüstern hören von der magischen Pflanze Alraune.
Aus dem Raunen ist mit dem brisanten, spannenden, berührenden, tiefgründigen und mit unendlichem Wissen vollbepackten Vortrag von Prof. Dr. Sabine Wienker-Piepho ein Zipfel Wissen geworden. Tausend Querverweise habe ich notiert. Und ich werde noch mehr ringen um Begriffe, Bedeutungen und Definitionen.
Eine magische Pflanze wie die Alraune ist ein Wunder. Dass davon Mythen, Sagen und Märchen in wunderbarer Weise berichten, ist kein Wunder. Wenn eine Pflanze so menschenähnliche Wurzeln hat, dann liegt es auf der Hand, dass solche Pflanzen leben und dass sie magische Kräfte haben, und dass man davon erzählen muss. Sabine Wienker-Piepho hat das Phänomen von allen Seiten beleuchtet, hat es eingekreist und sich dann voll und ganz der Alraune gewidmet. Diese Fokussierung hat ein paar Geheimnisse gelüftet und bei mir die Lust geweckt, mich intensiv mit so wundervollen Requisiten (und deren Verschiebungen) in Märchen wie es die magischen Pflanzen sind, zu beschäftigen. Danach werden die Bände meiner Enzyklopädie des Märchens noch zerfledderter sein…
Auch ziemlich magisch hat Sylvia Diethelm-Seeger Märchen und Sagen erzählt. Ich habe beim Zuhören manchmal fast vergessen zu atmen.
Am Mittag dieses letzten Seminartages hat dann das Atmen fast ganz ausgesetzt und das Herz ist ins Stolpern gekommen: Die Biologin Heidrun Janka, der ich schon an allen Seminartagen vorher stundenlang hätte zuhören können, hat uns zu einer blühenden Mandragora geführt. Magisch!
Zum Schluss:
Ich bedanke mich nicht nur bei den Seminarleiterinnen und Erzählerinnen und beim Erzähler, ich danke auch den guten Feen im Hintergrund: Erika Hoffmann, Annegret Moser, Beat Rajchman und Alice Spinnler. Ohne diese fast unsichtbaren Helferinnen und Helfer im Hintergrund, könnte kein Vordergrund leuchten!
Liebe Kolleginnen und Kollegen, ich denke, dass gerade solche SMG-Veranstaltungen hervorragend dazu geeignet sind, sich zusammenzufinden, Gemeinsamkeiten auszuloten, sich gegenseitig zu befruchten und sich zu neuen Gemeinschaften zu formieren und gemeinsam als Erzählerinnen unterwegs zu sein. Damit noch mehr neue Märchenbäume wurzeln bis in die Mitte der Erde und wachsen bis in den Himmel hinauf. Und noch mehr Zauberäpfel leuchten können bis über den Tellerrand hinaus. Und noch mehr geheimes Wissen von Kräutern und lebendigen, magischen Märchenwurzeln sich verbreitet und in aller Munde ist.
Zum Glück sind die besprochenen Seminartage nicht einmalig gewesen. Die nächsten SMG-Seminarreihen sind schon in Vorbereitung. Kommt! Macht euch das enorme Wissen der Referentinnen und Referenten zu eigen. Vernetzt euch und tauscht euch aus!
S'fägt!
Mit märchenhaften Grüssen, Irene Briner