Sagen am Tatort, Schaffhausen (August 2014)

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Die "guldine" Mannheit des Schaffhauser Bockes

Sagen am Tatort, 23./24. August 2014 in Schaffhausen, organisiert von Rahel Ilg; Erzählerinnen Rahel Ilg, Gudrun Dammasch, Barbara Weidkuhn. Nochmals ein herzliches Dankeschön; es war ein super Wochenende.

Für einmal war das diesjährige Sommerwetter gerade richtig: bewölkt, wie sollte es auch anders sein, angenehme Temperatur, immerhin ab und zu etwas Sonnenschein und der obligate Regen beschränkte sich netterweise auf die Zeit während des Abendessens.

Ein kleines Trüppchen, etwas mehr als drei Handvoll, traf sich im Kronenhof, wo frau sich bei Sandwiches und Flammkuchen stärken konnte, bevor es nach Neuhausen zum Rheinfall ging. Er ist nicht der höchste Wasserfall Europas, aber der grösste, was die Wassermassen anbelangt, die sich tosend und spritzend die Felsen hinunterstürzen. Unter kundiger Leitung von Rahel Ilg spazierten wir rings um den Wasserfall und fuhren zum Abschluss mit einem Boot zum Felsen inmitten des Wasserfalls. An passenden Stellen erzählten Rahel Ilg und Gudrun Dammasch spannende und manchmal auch etwas gruslige Sagen.

Nicht nur in unserer Zeit, sondern schon Jahrhunderte zuvor haben die Menschen den Verstand beiseite geschoben, wenn das grosse Geld lockte. So sind auch viele Schaffhauser dem "Unkenbrenner", einem hergelaufenen Abenteurer auf den Leim gekrochen, der versprochen hatte, aus Blei Gold und Silber zu machen. Als dann doch die Wahrheit ans Licht kam, wurde der Unkenbrenner auf seiner Flucht erschlagen; doch die gutgläubigen Bürger hatten den Schaden. Denn das Geld war weg.

Auch der Versuch der Flurlinger, den Mond einzufangen, um genau so guten Wein zu erhalten wie ihre Nachbarn auf dem anderen Rheinufer, scheiterte kläglich.

Die Schaffhauserinnen hingegen sind um einiges cleverer. So hat die Markgräfin mit der klugen Frage an die versammelte Männerschaft - was tätet ihr, wenn ihr die Markgräfin allein im neuen Schloss anträfet? - ihren Liebsten vor dem Galgen gerettet. Von dieser Sage gibt es auch ein Lied mit 21 Strophen, das wir, begleitet von Gudrun Dammasch auf der Gitarre, gesungen haben.

Auf dem Rhein sind zu gewissen Zeiten Geisterboote sichtbar, mit einer Räuberbande aus Haut und Knochen als Besatzung oder mit einem jungen Mann, der immer wieder den Rheinfall hinunterstürzen muss, weil er aus Hochmut Gott versuchte, und nach seiner wunderbaren Rettung wegen einer Wette ein zweites Mal den Rheinfall hinunterfuhr. Ein anderer muss aus Strafe bis in alle Ewigkeit auf dem Rhein hin und her fahren, weil er ein altes Weib, das zu ertrinken drohte, nicht gerettet hatte.

Am Abend liessen wir uns vom Nachtwächter heimleuchten, aber erst nachdem er uns viel Wissenswertes und Anekdotisches über die Schaffhauser und den Berufsstand des Nachtwächters erzählt und uns im unbeleuchteten Kreuzgang des ehemaligen Klosters einen Eindruck vermittelt hatte, wie es damals war, als es noch kein elektrisches Licht gab. Nachwächter gehörten wie die Henker zu seinem grössten Bedauern zur untersten Schicht der Bevölkerung. Einmal Nachtwächter, immer Nachtwächter. Pünktlich oder auch nicht, mussten sie nachts die Stunden ausrufen. Polizeistunde war schon um neun Uhr abends. Da wurden die Stadttore und die Beizen geschlossen. Die Schaffhauser waren sehr trinkfeste Leute. So tranken die 80 Mitglieder der Metzgerzunft an einer ihrer Versammlungen gemäss Chronik 240 l Wein und vertilgten zig Kilo Fleisch und andere Speisen.

Überhaupt hatten die Schaffhauser, zumindest früher, einen Hang zum Grössenwahn: Birnen, so gross, dass drei Männer sie in den Keller rollen mussten, und Pflaumen, da genügte eine pro Tag. Ihre Riesenkühe gaben so viel Milch, dass die Schaffhauser die Milch in einen Weiher leiten und den Rahm mittels eines Einbaums  abschöpfen mussten. So wurde auch die vergoldete Mannheit des Schaffhauser Bockes, des Wappentiers von Schaffhausen, immer grösser und grösser. Aber der Name Schaffhausen hat nichts mit dem Schafbock zu tun, sondern stammt vermutlich von Scaphusa, Schiffhausen.

Der Sonntag war dann dem zweiten Wahrzeichen Schaffhausens, dem Munot gewidmet. Der Munotwächter führte uns auf verschlungenen, nicht ganz so öffentlichen Wegen in den Munot, einer Artillerie-Festung, die aber wohl nicht so kriegstauglich war und 1799 von den Österreichern zerstört wurde und fortan als Steinbruch diente. 1824 wurde sie auf betreiben von Johann Jakob Beck, einem Vorfahren des gegenwärtigen Munotwächters, wieder aufgebaut und findet seither, neben ihrer Attraktion für Touristen, Verwendung als Festort für Tänze, Open Air Kinos u.a. Der Munotwächter muss heute aber nur noch einmal, nämlich abends um 9 Uhr s' Nüniglöckli von Hand schlagen, nämlich zu Ehren des Ritters, der vom heiligen Lande nach Hause kommend, in einem Sturm kurz vorm Ziel vom Weg abkam und samt seinem Gefolge in den Fluten umkam. Das Schlagen der anderen Stunden übernimmt ein automatisches Uhrwerk. Zum Abschluss durften wir die schmale Treppe hoch in die Waffenkammer, wo gemeinsam zur Drehorgel das Munotlied gesungen wurde. Als besonderes Privileg durften wir noch eine Treppe höher in den unteren Stock der Wohnung des Munotwächters steigen. Barbara Weidkuhn erzählte vom Wali, einem Geisterhund, der die Strassen Schaffhausens unsicher machte und als Kinderschreck diente. Johann Jakob Beck, der Retter des Munots und seines Zeichens Kunstmaler, hat den Wali auf einem Bild verewigt.

Zum Ausklang gab's auf dem Munot noch einen kleinen Imbiss, bevor sich die kleine Truppe wieder in alle Himmelsrichtungen verteilte.

 

Fotos und Text: Alice Spinnler