Ein Märchen, viele Lesarten: Aschenputtel

Neues Schloss Willkommen im Schloss Barbara Gobrecht Beim Kaffee
C. Altmann und I. von der Crone Schlossführung Torhaus Storchenturm Im Wassergraben
Referentinnen Sylvia Diethelm Barocktanzlehrerin und Cartoonistin Aufstellung zum Tanz
Beim Schlummertrunk Silvia Studer-Frangi Referenten knacken Nüsse Maria Kaufmann erzählt

 

 

 

Fotos von Ursula Kübler und Regina Fuhrmann

7. Interdisziplinäres SMG-Symposion 

Schloss Beuggen bei Rheinfelden (Juni 2011)

Schon die Anfahrt über den Badischen Bahnhof Richtung Waldshut war ungewohnt. Direkt an der Haltestelle Beuggen: das Schloss, traumhaft schön am Rhein gelegen, ja fast im Rhein selbst. Was für ein Empfang!

Die gemütlichen Räume nahmen uns wohlwollend auf. Mit viel Charme und roter Blume im Haar begrüsste uns die Organisatorin Barbara Gobrecht und moderierte optimal vorbereitet und sehr lebendig durch den ersten Tag. Der Germanist Wilhelm Solms machte den Anfang mit den Impulsreferaten. Schon bei ihm die grosse Frage an das Grimmsche Märchen: Warum kümmerte sich der Vater nicht mehr um seine Tochter? In anthroposophischer Lesart sah Angelika Schmucker die Frauenfiguren als eigene Anteile in einem individuellen Entwicklungsprozess, wo Licht und Schatten, Gut und Böse zusammengehören. Brigitte Boothe feuerte ihre Argumente von ödipalem Konflikt und Wunscherfüllung, vom Triumph des Aschenputtels über alle Rivalinnen, mit viel Humor und Können ins Publikum. Aus Adlerscher Sicht, bei Bernd Rieken, stand die Frage von Macht, von Minderwertigkeit im Mittelpunkt, weniger ein Entwicklungsprozess. In Jungscher Lesart ging Christine Altmann-Glaser auf den Symbolgehalt des Märchens ein, der das Märchen als tiefen Reifeprozess sehen liess, als ein innerseelisches Drama, ein Ringen um Selbstwerdung.

Der Theologe Heinrich Dickerhoff zeigte Parallelen von Märchen und theologischen Vorstellungen zu existentiellen Lebensfragen auf. Aschenputtel wurde hier gesehen als Sinnbild menschlicher Seele, als ein Bild für immer wiederkehrende existentielle Themen wie Elend, Erbsünde, Gnade, Erlösung und Freiheit für den innerlich zerrissenen Menschen.

Der Abend unter Anleitung der Tanzlehrerin Barbara Leitherer mit Contredanses liess uns noch etwas tiefer in die märchenhafte Welt des Tanzes mit dem Prinzen im Schloss und der berühmten Schuh-Geschichte eintauchen.

Unter der Moderation von Wilhelm Solms, sehr liebenswürdig und wohl durchdacht, ging dann der zweite Tag an. Aschenputtels Kompetenzen und Qualitäten beleuchtete der Management-Kenner Rolf Wunderer. Er sah in ihr eine kompetente Führungsperson, strich ihre sozio-emotionale Intelligenz heraus: Zielstrebig, nicht offen konkurrenzierend, kann sie ihren Prinzen erreichen. Doch mit einer Horrorvision für Aschenputtels malte er das eheliche Weiterleben mit diesem Stalker-Typ-Prinzen aus, traute ihr aber auch hier recht viel Kompetenz im Umgehen mit dieser, auf sie zukommenden Auseinandersetzung zu.

Ganz praktisch übten sich dann die Teilnehmenden unter Anleitung von Corinne Bromundt in karikaturistischem Überzeichnen der wichtigsten Figuren in „Aschenputtel“, was sehr zur Auflockerung beitrug und auch zu Humor und Spass Anlass gab, der Fantasie freien Raum gab und wahrscheinlich bei etlichen einmal mehr eine innere Kindseite anrührte.

Kristin Wardetzky verfolgte mit den TeilnehmerInnen den spannenden Werdegang Aschenputtels im Theater. Schon Napoleon begeisterte sich für die Aufführung des Theaterstücks nach Perrault. In weiteren Theaterversionen wurde Aschenputtel als kritischer Zeitbezug eingesetzt, die Frage von Sein-Schein wurde aufgeworfen – und immer wieder das Thema Authentizität, Wahrhaftigkeit, hohe Tugenden in Bezug zur jeweiligen Gesellschaft, auch als ideologische Beweisführung in der Ex-DDR.

„Aschenputtel in Kinderbuch und Illustration“ war das Thema von Christine Lötscher: mal anmutig, höfisch-verschnörkelt dargestellt, bei jüngeren Malern eher abstrakt, einfach und in ihrer Schlichtheit berührend anzusehen mit den Szenen „Erbsenverlesen“ oder „Schuh“. Ein aussagekräftiges Bild zeigte Aschenputtel in einer Winterlandschaft sitzend, vor dem Grabes-Helfer-Baum.

In Filmen war und ist „Aschenputtel“ ein immer wieder aufgegriffenes Thema. Dies zeigte Ingrid Tomkowiak auf: zuerst im Stummfilm, dann in den USA, in verschiedenen Cartoon-Varianten, in der DDR; gelungen auch die tschechische Märchenverfilmung. Fazit: „Armes Mädchen verliebt sich in Märchenprinzen und bekommt ihn“ ist seit „Cendrillon“ (1899) bis in die Gegenwart ein beliebter Filmstoff.

Ja, das Märchen ging eigentlich fast allen unter die Haut! Hartgesottene Männer wurden emotional und beschützend dem Aschenbrödel gegenüber, empörten sich über den passiven Vater. Andere TeilnehmerInnen strichen Aschenputtels Stärke und ihr aktives Handeln und Vorgehen heraus. Von tiefenpsychologischer Seite wurde der feine und lebenswichtige Bezug zur Grossen Mutter betont, der das Fundament für das Überwinden von Krisen und Schwierigkeiten im späteren Leben bedeutet. Die Stiefmutter und Stiefschwestern rührten an böse, dunkle Schattenseiten, an Rivalitäten und tiefste Sehnsüchte im Menschsein. Bis heute treffen wir das Aschenputtel-Thema weltweit in verschiedensten Varianten an.

Neben aller Wissenschaftlichkeit, neben den vielen Einfällen und Anregungen berührten tief die Erzählerinnen mit drei verschiedenen Fassungen des Aschenputtel-Märchens: Maria M. Kaufmann auf Hochdeutsch, Sylvia Diethelm-Seeger im Dialekt und Inge von der Crone auf Französisch.

Beschwingt, bereichert und auch nachdenklich-berührt trugen viele das Aschenputtel mit nach Hause.

Ursula Kübler

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