Sagen am Tatort 2009

 Was uns die Toten sagen: Eine Reise zu den Totensagen des Wallis.

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Das Hotel Belalp Kapelle beim Hotel Belalp Maria nimmt uns mit auf eine Reise zu den Totensagen des Wallis.
Die armen Seelen Die Teilnehmenden Die Organisatorin
Das Boozu-Team Agarn Während des Erzählens der Boozu-Geschichte. Besammlung zum Sagenspaziergang
Der Aletschgletscher Horcht! Alle lauschen den Sagen.
Die wiederhergestellten Mauern für die Schafscheid. Christine und Maria Weiter geht's in Einerkolonne ...
... vorbei an sagenhaften Landschaften ... ... zum Lüsgersee. Hört, was hier geschah!
Kalt war's, aber schön war's.

Sage <--> Märchen

     "Es [das Märchen] zeigt den Menschen als Begnadeten, dem selbst die Möglichkeiten geschenkt werden. Der moderne Mensch aber erstrebt Selbstgestaltung und Weltgestaltung. Er möchte die transzendenten Mächte nicht nur als Empfangender erfahren, er möchte sie erkennen. Er sehnt sich vielleicht nicht so sehr danach, ein Begnadeter zu sein als ein sich selbst Bestimmender, seine Ziele und Wege bewusst und erkennend Wählender. Deshalb entspricht die Sage, obwohl ein primitiveres Gebilde als das Märchen, ihrer Haltung nach dem modernen Menschen besser als dieses. Das Märchen ist umfassende und in sich geschlossene dichterische Schau. Die Sage ist komplex, beschränkt und relativ ungeformt; aber sie weist über sich selber hinaus. Das Märchen offenbart uns dichterisch das Wesen der Welt, ohne nach Wesen und Eigenart der einzelnen Potenzen zu fragen. Die Sage aber stellt die einzelnen Dinge in Frage. Sie lässt sich packen vom Diesseitigen wie vom Jenseitigen, sie «erklärt» auf ihre Weise, sie gibt Teilantworten. Die einzelnen Dinge lassen sie nicht los. Sie stösst erkennend und deutend ins Dunkel vor. Sie erleuchtet Teilbezirke oder meint sie zu erleuchten." Das Märchen gibt dichterisch gläubig eine vorläufige Gesamtschau von Welt und Mensch. Als reine Dichtung bleibt es reine Potentialität. Jede einzelne Sage aber ist primitiv anspruchsvoller Ansatz zu einer ungleich eindringlicheren und zugleich realeren Existenzerhellung. Sagen geben keine Gesamtschau, aber sie mühen sich um die einzelnen Phänomene. Sie tun es als dichterische Wissenschaft; Dichtung und Wissenschaft sind in ihnen noch unentfaltet ineinander verschränkt. Deshalb sind Sagen primitive Gebilde. Aber die Trennung des einst primitiv Einigen kann kein endgültiger Zustand sein. Was einst unbewusst undifferenzierte Einheit war, strebt, auseinandergefaltet und seiner selbst bewusst geworden, nach neuer Einheit auf höherer Ebene.
     Suchst du das Höchste, das Größte? Die Pflanze kann es dich lehren. Was sie willenlos ist, sei du es wollend – das ist's.
     Die primitive Sage lehrt uns, wohin die Entwicklung strebt. Was einst dumpfe unentwickelte Einheit war, will wieder Einheit werden, ohne doch auf die eigene Art, die eigene Gesetzlichkeit zu verzichten. Diese höhere Einheit kann nur ein gegliedertes Ganzes sein. Wir träumen von einer neuen Vereinigung von Dichtung und Wissenschaft. Was in der primitiven Sage ein unfreies und unwillkürliches Zusammen war, soll, nach der Differenzierung, zu freiem und reichem Zusammenklang sich finden.
     Die moderne Zeit ist nur in Teilbezirken unermesslich weit vorgestossen. Als Ganzes hat sie ihren Stil noch nicht gefunden. Einzelwissenschaften und Technik sind weit voraus. Moral, Gesittung, Kunst haben keine entsprechende Entwicklung durchgemacht."
(Aus: Max Lüthi, Das europäische Volksmärchen.)

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