Sagen am Tatort Surselva (September 2008)

Wochenendveranstaltung vom 13./14. September 2008
in Disentis, Graubünden

Mythische Orte in der Surselva

Kalt und nass begann der Tag und endete auch so. Das verdross aber die über 40 Teilnehmenden an der Tagung keineswegs. Einige wärmten sich vor Beginn noch in der Sauna und im warmen Schwimmbad des Hotels Cucagna (= Schlaraffenland) auf.

Dann ging’s zum Vortrag von Kurt Derungs über Kulte und Kulturen in Rätien.

Dr. Derungs wies ausdrücklich auf Bischof Christian Caminada (1876–1962) hin, der in seinem Buch Die verzauberten Täler schon über alte Wasser-, Feuer-, Stein-, Baum- und Tier-Kulte in Graubünden geschrieben hat. Das alträtische Gebiet reichte von der Surselva bis Tirol und zum Bodensee. Man findet hier vorkeltische, keltische und römische Einflüsse: Steine aus der Jungsteinzeit mit Ritzzeichnungen, die universell sind, d. h. sie kommen überall vor, z. B. auch bei den Aborigines in Australien. Eine 3000 Jahre alte Stele aus Lumbrein ist im Museum in Chur zu sehen.

Steinkulte: Jedes Dorf hatte am Dorfeingang einen Stein, der Die Alte oder Der Alte (Ahne) hiess.

Wasserkult: Sgraffitti von Wasserjungfern sind in Graubünden nicht selten, z. B. in Samedan. Idragun (Drache) heisst der Inn auf Romanisch. Die Nixen und Drachen symbolisieren den Fluss, der ja in seiner ursprünglichen Form aussieht wie eine Schlange. Eine Drachenschlange ist auch der Rhein. Sedrun bedeutet sur dragun. Linth und Limmat bedeuten eigentlich Lindwurm. Flüsse bringen dem Land Fruchtbarkeit. Auch diese Personifizierungen sind universell.

Stein- und Wasserkulte sind oft miteinander verbunden. So wird ein Fels mit zwei Rundungen bei Zuoz, über den ein Wasserfall läuft, von den Sennen der Alp Belvair il cül de la veglia (der Hintern der Alten) genannt und muss von den Jungen, die erstmals auf die Alp gehen, geküsst werden. Eine ähnliche Älplertradition wird auch vom Val Mora, einem Seitental des Münstertales gemeldet.

Baum- und Tierkulte: In Disentis wurde eine heilige Linde mit Eseln verehrt, später eine heilige Eiche des Apollo. Im Marswald auf Luziensteig wurden wilde Stiere gehalten.

In Tirol gab es die Drei-Saligen-Föhren, welche die junge, die reife und die alte Göttin darstellten.

Madrisa, Margareta, Rätia oder Rita sind Namen für die Berg-, Baum- oder Quellgöttin Rätiens.

Doris Portner erzählt dazu passende Sagen: Vom Wilden Mädchen, das einem jungen Bauern auf der Alp Sblogs im Val Faller heimlich beim Sennen half (eine ähnliche Sage erzählt man im Prättigau von Madrisa) und vom Hirtenbub, dem sich der Stein der guten Alten öffnet und der aus dem Schatz statt Gold und Edelsteine ein paar neue Schuhe wählt und damit die „arme Seele“ nicht erlöst.

Vor dem Abendessen offeriert uns die Gemeinde Disentis einen Apéro.

Das feine Nachtessen mit Bündner Spezialitäten beginnt mit Capuns als Vorspeise, von Norbert Deplazes’ Frau eigenhändig hergestellt.

Der Märchenabend mit Musik, vom Märchenkreis Surselva vorbereitet, findet im schön renovierten Rathaus statt. Der Saal ist stimmungsvoll mit Laternen, Kerzen und Zweigen dekoriert. Hier bekommen wir nun weitere Sagen und Märchen zu hören: Von der Kirche in der Gletscherspalte, von bösen Hexen, eine Bündner Variante vom Mädchen ohne Arme, von der märchenerzählenden Eule und andere. Dazwischen spielen zwei Schulmädchen auf Blockflöte und Klavier. Ein gelungener Abend.

Aber damit nicht genug. Im altehrwürdigen Restaurant nebenan wird uns von der Kantonalbank ein Schlummertrunk mit Bündnerfleich und Alpkäse serviert. Ganz herzlichen Dank, vor allem Antoinette Quinter, die nicht nur packend erzählt, sondern das alles mit Umsicht organisiert hat.

Tschamutt

Auch der Sonntag ist nebelverhangen und regnerisch. Wir fahren das Tal hinauf bis Tschamutt. Hier zeigt uns Dr. Derungs einen kegelförmigen Berg, an dessen Flanke, unzugänglich auf halber Höhe der Stein der Muma veglia, der Ahnfrau, von welcher Doris erzählt hat, liegt. Er hat die Form eines Steintischs oder Dolmen. In der Sage wird die Ahnfrau zur armen Seele, im Bergell zur Maira (Nixe), im Prättigau zur Madrisa. Als jugendliche Form der Ahnfrau soll das Erdbeermädchen hier am Fluss unten unter einem Stein gewohnt haben. Man brachte ihm allerlei Gaben. Dafür wuchsen hier Erdbeeren besonders üppig. Um den Stein der Muma veglia sehen zu können, besteigen wir einen kleinen Hügel. Aber die alte Göttin verhüllt sich in Nebelschleiern.

Truns

In Truns steigen wir den Pilgerweg zur Kapelle Nossadunna della Glisch (unsere Frau des Lichts) hinauf, wo gerade ihr Fest gefeiert wurde. Hier erzählt Doris Portner die Legende, wie 1660 der Pfarrer von Truns abends auf dem Felshügel über dem Dorf ein helles Licht erblickte, gerade dort, wo eine kleine Sebastianskapelle stand und wo früher die Alten ihre Feuer zum Götzendienst angezündet hatten. Hier wurde nun eine Kirche erbaut zur Ehre der Muttergottes, die den Trunsern als Licht erschienen war.

Wir sehen uns nun noch einen Zeugen des frühern Baumkultes an, den Ahorn, unter welchem der Graue Bund geschlossen wurde („a Trun sut igl Ischi“, in Truns unter dem Ahorn, wie es im Trunser Lied heisst). Es handelt sich nicht mehr um den ursprünglichen Baum, welcher dreistämmig war wie die dreifaltige Ahnin. Er steht im Hof einer Anna-Kapelle (Anna Selbdritt geht ja wohl auch auf die dreieinige Göttin zurück). Es heisst, dass der Baum blutete, als ein Franzose auf ihn schoss. Man reichte kranke Kinder durch den Baum hindurch, oder unfruchtbare Frauen erhofften sich von ihm Hilfe.

Meierhof Obersaxen

Im Hotel Central gibt es ein feines Mittagessen. Nun hat der Regen nachgelassen. In der kleinen St. Georgskapelle steht ein spätgotischer Flügelaltar von Strigel. Dessen rechter Seitenflügel zeigt eine heilige Margarete in grünem Gewand mit rotem Unterrock und einem kleinen Drachen auf den Armen. Von Doris hören wir dazu eine kurze Variante der Margaretensage, in welcher ein roter Unterrock erwähnt wird.

Falera

Zwar regnet es nicht mehr, aber es ist kalt und wir müssen rechtzeitig in Chur sein. Darum reicht es hier nicht für einen Rundgang bei den Megalithsteinen aus der Bronzezeit. Aber in der romanischen Kirche erzählt uns Dr. Derungs noch einiges zu dem multifunktionalen Kultplatz. Hier wurde auch eine Bronzescheibe gefunden, ähnlich derjenigen von Nebra und gleich alt. Es weisen Spuren auf eine Ackerbaukultur hin. Diese brauchte einen Bauernkalender. Auf dem Kultplatz sind die Steine so orientiert, dass man Tag- und Nachtgleiche im Herbst ablesen konnte.

Die zwei Tage in der Surselva waren reichhaltig und boten vieles für Geist, Seele und Leib. Doris Portner, der Organisatorin und glänzenden Erzählerin, sei herzlich gedankt.

Christine Altmann-Glaser

 



Bildergalerie

 

 

Sagen am Tatort 2008
Vortrag von Kurt Derungs: Kulte und Kulturen in Rätien Apéro spendiert von der Gemeinde Disentis Nachtessen im Hotel Cucagna, Disentis
Märchenabend mit Musik Erzählerin vom Märchenkreis Surselva Sagen auf Romanisch
Doris verteilt Rosen Die Musikerinnen Schlummertrunk offeriert von der Bündner Kantonalbank
Tschamutt im Regen Im Car Sage: Der Stein der guten Alten
Sonnenuhr amicta sole Pilgerweg zur Kapelle Die Kassierin der SMG
Nossadunna in der Kapelle Schauen auf die Frau des Lichts Die Verantwortliche für die Geschäftsstelle der SMG
Nossadunna della Glisch Ahorn in Truns, Zeuge früheren Baumkultes Kurt Derungs vor der St. Georgskapelle in Meierhof Obersaxen
Margarete mit dem Drachen auf dem Arm Megalithstein bei Falera Romanische Kirche beim Multifunktionalen Kultplatz


Fotos: René Ammann

 

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